|
Dieser Text wurde mit dem 2. Preis beim Egon-Erwin-Kisch-Preis 1995 ausgezeichnet.
Selber schuld. Es gibt immer jemand, der dem Opfer sagt, es habe sich das alles selbst zuzuschreiben, und überhaupt, man paßt doch ein bißchen auf und stellt sich nicht so blöd an.
Bei Gerhard Schmal war es einer von der Kripo, der das fand: Er habe das Unglück herausgefordert, jawohl. Es mußte wohl der blaue Stern gewesen sein, dieses Schmuckstück aus Glas, das in seiner Erdgeschoßwohnung an der Fensterscheibe hing. Ein blauer Davidstern. Daran konnte man's doch sehen.
Schlimm genug, daß er blind ist und schon deshalb gefährlich lebt, in diesen Zeiten. Da braucht doch nicht jeder wissen, daß er auch noch Jude ist. Und wenn ihn einer nach der Religion fragt, kann er doch sagen, er ist Atheist.
Herr Schmal hat einen Morgenkaffee gekocht und im Wohnzimmer Kekse bereitgestellt, er zieht sich den Aschenbecher heran, fragt erwartungsvoll, ob es schmeckt. Er hat selten Gäste in diesen Tagen. Manchmal kommt Herr Lehmann von der Hilfsorganisation "Weißer Ring", der ihn seit neun Jahren betreut. Aber meistens redet er nur mit Rosi, dem Hund: "Wir leben schon lange allein." Denn wer Kontakte hat, den kennt man, und wen man kennt, der kriegt Ärger, das hat er oft genug erlebt.
Er raucht viel, wie immer, wenn er seine Geschichte erzählt. Die Ereignisse geraten gelegentlich durcheinander, es ist schwierig, die Schrecken zu sortieren. Manchmal redet er in einem Tonfall, als ob er sich entschuldigen müsse für die brutale Wirklichkeit, von der er spricht.
So richtig heftig wurde der Terror jedenfalls nach dem Prozeß, im Sommer vor drei Jahren. Ein Nachbar hatte seinen Köter auf Rosi gehetzt, Herr Schmal hat sie heulen hören und kurz darauf selbst einen harten Schlag gespürt, der ihn zu Boden warf. Und das Gebrüll von damals hat er noch im Ohr: "Ich knall' dich und deinen Hund ab!" Zurück |